Biologische Vielfalt (Biodiversität), darauf wurde auch schon in vorigen Aufsätzen dieser Reihe hingewiesen, ist die wichtige Grundlage der Bioökonomie. Dennoch entstammen beide Konzepte unterschiedlichen Bereichen: Während die Idee der Bioökonomie in einem (ressourcen)ökonomischen Kontext entstand, wurde der Begriff der Biodiversität in einem Naturschutzkontext geprägt. Beiden Ideen sind deshalb mit zum Teil sehr unterschiedlichen Vorstellungen über den Wert der Natur verbunden, wodurch ein Spannungsfeld entsteht. In den letzten Jahrzehnten gingen Naturschutz und Ökonomie jedoch zunehmend aufeinander zu. In jüngster Zeit zeigt sich dies besonders deutlich an der Popularität des Konzepts der „Ökosystemdienstleistungen“ (ecosystem services), welches den Nutzen der Natur für „den“ Menschen in begrifflicher und quantitativer Weise zu fassen versucht. Sind wir also endlich auf dem Weg zu einer Harmonie zwischen „Ökologie“ und „Ökonomie“? Können wir endlich, wie erhofft und propagiert wird, statt Konfrontation „win-win“-Lösungen präsentieren? Oder aber führt, wie manche Naturschützer befürchten, die zunehmende Verwendung ökonomischer Kategorien im Umgang mit der Natur ganz im Gegenteil zu einem „Ausverkauf“ der Natur, der nur durch eine Rückkehr zu einer „ethischen Argumentation“ verhindert werden kann?

Im Folgenden werde ich versuchen zu zeigen, dass das Spannungsfeld zwischen Naturschutz und Ökonomie nicht einfach unter dem Dach des Ökosystemdienstleistungskonzepts oder eines „ökonomischen Gesamtwerts“ aufgelöst werden kann, dass aber zugleich auch die oft propagierte harte Dichotomie zwischen Eigenwerts-(„ethischen“) und ökonomischen Argumenten wenig hilfreich ist für eine moralisch verantwortliche Gestaltung von Mensch-Natur-Verhältnissen. Ich meine, dass es in der Debatte um Naturschutz und Ökonomie eine Reihe von Missverständnissen gibt, und deren nähere Betrachtung helfen kann, ein erweitertes Verständnis von ethischen Problemen im Umgang mit Natur zu erzeugen und bestehende Konflikte rationaler angehen zu können.

 

Annäherungen: Von biologischer Vielfalt zu Ökosystemdienstleistungen

Im vergangenen Jahr wurde der Ausdruck „Biodiversität“ („biodiversity“) 30 Jahre alt. Geprägt wurde er auf dem von der amerikanischen Akademie der Wissenschaften 1986 veranstalteten „Forum on Bio-Diversity“ in Washington DC. Anlass der Tagung war die Sorge um den zunehmenden Artenschwund, oder deutlicher gesagt, die rapide fortschreitende Auslöschung von Tier- und Pflanzenarten aufgrund menschlicher Aktivitäten, vor allem der Zerstörung von Lebensräumen. „Biodiversität“, von manchen seiner ursprünglichen Protagonisten – und bis heute vielfach – als mehr oder weniger synonym zur Natur oder gar Naturschutz verstanden1 (vgl. Takacs 1996), wurde so von Beginn an zugleich als naturwissenschaftlich beschreibender Begriff als auch wertender und politischer Begriff („Biodiversität ist wertvoll und schützenswert“) eingeführt. Von vornherein wurde dabei auch versucht, den häufig beklagten Gegensatz von Naturschutz einerseits und Wirtschaft und Gesellschaft andererseits zu überwinden. So propagierte einer der Initiatoren und Herausgeber des aus der Tagung hervorgegangenen Buchs, der Biologe Edward O. Wilson „ein neues Bündnis zwischen wissenschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Kräften – ein Bündnis, von dem man erwarten kann, dass es die internationale Naturschutzbewegung auf Jahrzehnte hinaus umgestalten wird.“ (Wilson 1992, S. 15). Ein bedeutender Schritt zur Verwirklichung dieses Bestrebens war die Verabschiedung der Konvention über die Biologische Vielfalt (kurz: Biodiversitätskonvention, CBD), die 1992 im Rahmen der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro beschlossen wurde. Sie wurde bis heute von 195 Staaten sowie der EU unterzeichnet und ratifiziert; lediglich der Vatikan und die USA sind nicht Mitglied der Konvention, letztere aufgrund von Bedenken bezüglich der Patentrechte biotechnologischer Firmen. Die Konvention ist seither zum Kernstück der internationalen Biodiversitäts- und Naturschutzpolitik geworden. Sie verpflichtet die Mitgliedsstaaten zur Abfassung eigener Biodiversitätsstrategien und hält unter anderem im Abstand von zwei Jahren Vertragsstaatenkonferenzen ab, um die Umsetzung der Konvention zu fördern und zu beobachten. Ihre zentralen Ziele sind der Schutz der Biodiversität2 aber auch gleichberechtigt deren nachhaltige Nutzung und die „ausgewogene und gerechte Aufteilung der sich aus Nutzung der genetischen Ressourcen ergebenden Vorteile“.

Ein weiterer Schritt, die engen Verflechtungen Natur und Wirtschaft (bzw. Gesellschaft) aufzuzeigen, ist das Konzept der sogenannten „Ökosystemdienstleistungen“ (ÖDL). Der Begriff wurde ebenfalls in den 1980er Jahren entwickelt, vor allem in einem Naturschutzkontext, als eins von mehreren Argumenten für die Notwendigkeit eines Schutzes von Arten (Ehrlich/Ehrlich 1981). Erst durch das von den Vereinten Nationen in Auftrag gegebene „Millennium Ecosystem Assessment“ (MA) wurden ÖDL ab etwa 2004 jedoch zu einem politisch relevanten Begriff, der inzwischen meist in einem Atemzug mit „Biodiversität“ genannt wird. Kurz gesagt, sind Ökosystemdienstleistungen die Beiträge der Natur zum menschlichen Wohlergehen (human well-being), wobei in der Literatur (und auch im folgenden Text) meist Güter und Leistungen unter dem Ausdruck „Ökosystemdienstleistungen“ zusammengefasst werden. Solche „Dienstleistungen“ der Natur bestehen nicht nur im Hervorbringen von Nahrung, Holz oder biologischen Rohstoffen für Pharmazeutika (bereitstellende Dienstleistungen), sondern auch in der Regulierung des Wasserhaushalts oder des Klimas durch die Vegetation (regulierende Dienstleistungen) oder dem Beitrag der Natur zu kulturellen Aspekten menschlichen Lebens, etwa der Erholung, Bildung aber auch der persönlichen Identität (kulturelle Dienstleistungen). Das Konzept greift also deutlich weiter als das der Bioökonomie, weist aber klare Überschneidungen mit diesem auf, vor allem in der Kategorie der bereitstellenden Dienstleistungen. Obwohl in der öffentlichen Wahrnehmung das ÖDL-Konzept oft mit einer ökonomischen oder gar monetären Bewertung von Natur identifiziert wird, ist der Ansatz de facto sehr viel breiter, wie auch zum Beispiel im MA und der TEEB-Studie3 betont wird. Schon das MA fasst menschliches Wohlergehen wesentlich weiter als klassische ökonomische Kenngrößen. Es führt vielmehr als Kategorien dafür neben der materiellen Grundversorgung auch Gesundheit, Sicherheit, gute soziale Beziehungen und Entscheidungsfreiheit auf. Die Anwendung des ÖDL-Konzepts heißt also nicht zwangsläufig, dass Natur damit „marktfähig“ gemacht oder „kommodifiziert“ werden soll, wie manche befürchten. Das ÖDL-Konzept ist mittlerweile sehr populär und hat seinen Eingang nicht nur bei der Umsetzung der CBD gefunden, sondern auch in zahlreichen Naturschutzstrategien (zum Beispiel der europäischen Biodiversitätsstrategie) sowie in erste Gesetze. Speziell die TEEB-Studie bemüht sich auch über die Idee der ÖDL Politik und Wirtschaft vom Wert der Natur bzw. ihrer Einbeziehung in Entscheidungsprozesse zu überzeugen. Biodiversität wird als die Basis für solche ÖDL angesehen oder Teile davon sogar selbst als Ökosystemdienstleistung beschrieben (etwas die Freude an der Vielfalt oder spezifischen Arten).

Die Botschaft, die mit den Konzepten Biodiversität und ÖDL transportiert wird lautet also: Naturschutz (verkörpert durch die Chiffre „Biodiversität“) und Ökonomie (im weitesten Sinne) stehen sich nicht als Gegensätze gegenüber sondern können einander gegenseitig befördern und bei klugem Handeln zu win-win-Situationen führen. Dennoch existiert gerade im Naturschutz ein Unbehagen und die Furcht, dass letztlich durch diese Entwicklungen Natur einem rein ökonomischen Nutzenkalkül unterworfen wird, entgegen der Intuition sehr vieler Menschen, dass Natur auch „um ihrer selbst“, aber jedenfalls jenseits des Kriteriums reiner Nützlichkeit wertvoll und schützenswert sei. Naturgegenstände und -zustände, die nicht nützlich seien, so die Befürchtung, werden im Konzept der ÖDL „unsichtbar“; sie spielen keine Rolle mehr und werden bei ökonomisch fokussierter Naturbewertung nicht berücksichtigt. Als „Gegengift“ wird nun ein ethischer Zugang zur Natur propagiert, worunter sehr häufig ein Schutz der Natur „um ihrer selbst willen“ verstanden wird. Gerade im Naturschutz spielen ethische Argumente traditionell eine große Rolle. Ethik wird aber meist als extremer Gegensatz zu einem wirtschaftlichen Blick auf die Natur gesehen.

Schließen sich also ein ökonomischer und ein ethischer Zugang zur Natur und deren Bewertung aus? Die Sachlage scheint mir etwas komplexer zu sein und ist zudem von einer Reihe von Missverständnissen geprägt.

 

Missverständnisse: Engführungen in Naturschutz und Ökonomie

Das erste Missverständnis, das vor allem auf Seiten des Naturschutzes immer wieder zu finden ist, liegt darin, dass unter ethischen Argumenten für den Schutz der Biodiversität oft nur solche verstanden werden, die sich auf einen (vom Menschen unabhängigen) Eigenwert der Natur beziehen. Ethik aber, als die Theorie der Moral, und auch Naturschutzethik als ein relativ neuer Teil dieser Disziplin, umfasst wesentlich mehr. Naturschutzethik behandelt den moralisch richtigen Umgang von Menschen mit der nichtmenschlichen Natur. Das umfasst aber auch sogenannte „antropozentrische“ Argumente für den Schutz der Natur, also solche die auf den wohlverstandenen Nutzen von Natur für menschliche Gesellschaften abzielen. Naturschutzethik schließt die Interessen von Menschen nicht aus. Zudem ist es auch eine hochgradig relevante ethische Frage, wie andere Menschen von unserem spezifischen Umgang mit der Natur beeinflusst werden; ich komme darauf gleich noch zurück. Die scharfe Dichotomie zwischen nutzenorientierten und „ethischen“ Argumenten für den Wert und den Schutz der Natur existiert also so nicht und sie immer wieder zu konstruieren, ist wenig hilfreich für eine rationale gesellschaftliche Debatte, aber letztlich auch für die Anliegen des Naturschutzes selbst (Chan et al. 2016).

De facto ist es meist ein Spektrum an Werten und damit zusammenhängenden Argumenten für den Schutz der Natur/Biodiversität, welches die Menschen bewegt. „Der“ Naturschutz ist in Hinblick auf Ziele und Motivationen kein einheitlicher Block, sondern in sich höchst heterogen. Ich selbst beispielsweise schätze die Natur unter anderem, weil ich sie schön finde, weil ich mich mit ihr tief verbunden fühle, aber natürlich auch, weil sie mir nützt, ja unentbehrlich für mein Leben ist, wenn es zum Beispiel um Nahrung geht – und ich sehe keinen Widerspruch darin. Es geht also nicht um ein Entweder-oder.

Es ist aber gleichfalls wenig hilfreich für den gesellschaftlichen Diskurs über den Umgang mit Natur, wenn versucht wird, die verschiedenen Werte, aufgrund derer Menschen Natur schätzen, in ein rein ökonomisches Raster zu pressen, wie dies – oft mit besten Absichten – bei der Abschätzung eines so genannten ökonomischen Gesamtwerts (total economic value) geschieht, oft unter Einschluss einer Monetarisierung dieses Werts. Dieser Gesamtwert umfasst neben den klassischen Gebrauchswerten auch Kategorien wie den „Existenzwert“ von Naturerscheinungen, also Werte, die Menschen zum Beispiel der reinen Existenz einer Art zumessen, selbst wenn sie ihnen weder direkt noch indirekt nützen oder nützen wird und mit der sie vielleicht nie in Berührung kommen werden, monetär etwa ermittelt über Zahlungsbereitschaftsanalysen. Man kann sich hier zum einen fragen, inwieweit die Ermittlung eines solchen ökonomischen Gesamtwerts möglich ist; die methodischen Probleme sind bekannt. Zudem muss gefragt werden, ob damit auch wirklich all die Inhalte abgedeckt werden, aufgrund derer Menschen Natur also wertvoll ansehen – oder ob hier die Benutzung des Ausdrucks „Wert“ in beiden Kontexten eine echte Vergleichbarkeit nur vorgaukelt. Viel wichtiger erscheint mir aber noch die Frage, ob bzw. wann ein solches Vorgehen sinnvoll bzw. klug ist. Die Frage ist nicht in erster Linie, ob wir Biodiversität ökonomisch umfassend in Form eines ökonomischen Gesamtwerts erfassen können, sondern ob wir es sollen. Hier sind wir am Kern dessen, was das Unbehagen bei ökonomisch konnotierten Begriffen wie Ökosystemdienstleistungen oder Naturkapital hervorruft. Die Gefahr nämlich besteht, dass trotz aller ernst gemeinten gegenteiligen Beteuerungen der Protagonisten solcher Ansätze, Natur von den Anwendern eines ÖDL-Ansatzes in Politik und Wirtschaft letztlich mehr und mehr einem reinen Kosten-Nutzen-Kalkül unterworfen wird und all jene „zusätzlichen“ Argumente, die sich nicht oder nur schwer in ein solches Schema fügen, übersehen oder als unwichtig übergangen werden. Kann der Naturschutz also die Geister, die er mit dem ÖDL-Begriff rief, noch beherrschen oder ergeht es ihm wie Goethes Zauberlehrling? Zum Teil wird versucht, dem schon auf der terminologischen Ebene entgegenzuwirken. So wird in manchen deutschsprachigen Studien etwa der englische Ausdruck ecosystem services bewusst nicht mit Ökosystemdienstleistungen, sondern mit Ökosystemleistungen übersetzt, um zu betonen, dass diese „in der Regel keine Güter oder Dienstleistungen [sind], die wir kaufen und die einen konkreten Preis haben“, sondern vielmehr öffentliche Güter sind (Naturkapital Deutschland 2012, S. 43).4

Lösungswege: Ethische Argumente im weiteren gesellschaftlichen Kontext

Ich möchte in einer Argumentation noch einen Schritt weiter gehen. Nicht nur denke ich, dass es anmaßend und den Vorstellungen der meisten Menschen nicht angemessen ist, alle Wertkategorien von Natur rein ökonomisch zu fassen (auch wenn das in Einzelfällen nützlich sein mag). Vielmehr plädiere ich für die Umkehrung der Wichtung, nämlich dahingehend, eine ökonomische Bewertung von Biodiversität als Teil einer umfassenderen ethischen Bewertung zu verstehen. Das setzt voraus, dass ich Wirtschaft als etwas verstehe, das in letzter Instanz immer auch dem Gemeinwohl verpflichtet ist. Dies möchte ich im Folgenden erläutern.

Die Biologin und Philosophin Uta Eser hat für ihre Analyse von ethischen Dimensionen der nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt (Eser 2011) eine nützliche Unterteilung von ethischen Argumentationslinien entwickelt, auf die ich hier zurückgreife. Sie hat ihre drei Argumentationslinien kurz mit den Begriffen „Klugheit“, „Glück“ und „Gerechtigkeit“ überschrieben.

Esers Analyse zeigt wie verwoben verschiedene, oft als separat gesehene Argumente in der Praxis sind (das gilt auch für ihre drei Argumentationstypen). Ökonomische Argumente zum Schutz der Biodiversität, etwa vermittelt über das ÖDL-Konzept, sind nicht moralisch „neutral“, sondern sie haben gleichfalls einen moralischen Kern, der sich als Teil einer Klugheitsethik beschreiben lässt. Es ist klug und moralisch geboten, im Sinne gesellschaftlicher Verantwortung, für die Erhaltung regulierender ÖDL oder die Sicherung der auf der Natur basierenden Grundbedürfnisse einzutreten. Man sollte den Ast nicht absägen, auf dem man sitzt – im eigenen Interesse und in dem anderer Menschen (einschließlich künftiger Generationen). Klugheitsargumente beziehen sich somit auf „wohlverstandene Eigeninteressen“ von Menschen. Damit ist gemeint, dass es nicht um Partikularinteressen, wie etwa eine persönliche Bereicherung geht, sondern um kollektive Interessen von Gesellschaften. Gerade darauf zielt die Argumentation über das Konzept der ÖDL in der Regel ab und hier trifft sie sich mit einer verantwortungsvollen Bioökonomie. Es versteht sich fast von selbst, dass Konflikte hier nicht vermeidbar sind, denn keine Gesellschaft ist in sich homogen, und Interessenkonflikte existieren manchmal selbst zwischen den Bedürfnissen einer einzelnen Person. Mein Punkt hier ist aber, dass auch Nutzenargumentationen für den Schutz der Biodiversität ethische Relevanz haben. Auch das, was häufig als „ökologische Argumente“ für den Naturschutz bezeichnet wird, etwa die Erhaltung von Bestäubern oder die Aufrechterhaltung von Nährstoffzyklen in Ökosystemen, fällt zum beträchtlichen Teil unter die Kategorie der Klugheitsethik. Es kann, nebenbei gesagt, ohnehin keine originär „ökologischen Begründungen“ für den Naturschutz geben, da Ökologie sich selbst als wertfreie Naturwissenschaft versteht. „Ökologische Argumente“ sind lediglich Teile einer Argumentationskette, keinesfalls aber können sie selbst normativ sein.

Die angesprochenen Konflikte verweisen auf den zweiten Argumentationsstrang („Gerechtigkeit“), der sich auf Argumente aus dem Bereich der Pflichtenethik bezieht. Hier geht es zum einen um Verpflichtungen gegenüber anderen Menschen (lebenden wie künftigen Generationen), aber auch um Verpflichtungen gegenüber nicht-menschlichen Lebewesen oder gar Arten und Ökosystemen.

Die Nutzung und der Schutz der Natur kommen nicht allen Menschen gleichermaßen zu Gute. Gerechtigkeitsfragen tauchen auf, wenn unterschiedliche Gruppen von Menschen den Nutzen und die Lasten von Nutzungen der Natur (wozu auch der Naturschutz selbst gehören kann) tragen. Als Folge des massiven Ausbruchs von Rinderwahnsinn um die Jahrtausendwende wurde die Fütterung von Rindern etwa verstärkt auf Soja umgestellt, was zur Ausweitung der Anbauflächen für Soja in Südamerika führte. Um gesundes Rindfleisch für den deutschen Verbraucher zu produzieren werden also Ökosystemdienstleistungen aus Südamerika importiert; Soja wird dort aber zum Teil unter schlechten sozialen und gesundheitlichen Bedingungen hergestellt, von der Umwandlung zuvor naturnaher Flächen einmal ganz abgesehen. Solchen ethischen Fragen muss sich eine verantwortliche Bioökonomie stellen. Ebenso kann die Vertreibung indigener Bevölkerungsgruppen aus Naturschutzgebieten zu sozialen Ungerechtigkeiten führen. So sehr win-win-Lösungen erwünscht sind, es wird auch immer Konflikte geben: weniger zwischen „dem“ Naturschutz und „der“ Ökonomie, aber zwischen verschiedenen Personengruppen und deren Interessen und Wertvorstellungen. Solche Konflikte müssen offengelegt und unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Wertvorstellungen ausgetragen werden.5

In der Frage nach den Verpflichtungen gegenüber der nicht-menschlichen Natur lässt sich das schon kurz angesprochene Argument zum Eigenwert der Natur verorten. Ein beträchtlicher Teil der Literatur zur Naturschutzethik beschäftigt sich mit der Frage, ob Natur einen Eigenwert hat bzw. welchen natürlichen Objekten ein solcher Eigenwert zukommt. Sind es also „nur“ Menschen, denen ein Eigenwert zukommt (und auf die wir daher um ihrer selbst willen Rücksicht nehmen müssen), sind es zudem alle leidensfähigen Tiere, alle Organismen, oder gar Arten, Ökosysteme oder die Natur als Ganzes? (Krebs 1997; Eser/Potthast 1999). Im Gegensatz zur Intuition vieler Naturschützer ziehen die meisten Philosophen die Grenze der „um ihrer selbst“ zu berücksichtigenden Entitäten schon bei den leidensfähigen Organismen. Es würde zu weit führen, dies hier im Details zu diskutieren; ich möchte aber auf eine wichtige Unterscheidung verweisen, die einerseits der verbreiteten Intuition vom Eigenwert der Natur (auch jenseits leidensfähiger Tiere) gerecht werden kann ohne dabei in problematische philosophische Fahrwasser zu geraten. Es ist dies die Unterscheidung von Eigenwert und Selbstwert (u. a. Eser/Potthast 1999). Während der Selbstwert einen Wert von nichtmenschlichen Entitäten völlig unabhängig von einem wertenden Menschen postuliert, ist der Eigenwert (in diesem speziellen Sinn) ein nutzenunabhängiger (!) Wert, den Menschen solchen Entitäten zuweisen. Die oben erwähnte naturschutzethische Debatte kreist um das, was hier mit Selbstwert bezeichnet wird. Während der philosophisch schwerer zu begründende Selbstwert Rechte von Natur als solcher impliziert, gilt das für den Eigenwert nicht; er impliziert keine Verpflichtung gegenüber den Naturgegenständen selbst sondern nur gegenüber denen, welche diese wertschätzen. Der Eigenwert in diesem Sinn stellt somit auch eine vermittelnde Position in der häufigen Entgegensetzung von „absoluten Eigenwerten“ (hier als Selbstwert bezeichnet) und reinen Nutzenwerten dar. Er ist ein „anthropozentrischer“ Wert, der dennoch auf Natur „um ihrer selbst willen“ abzielt.

Das führt direkt zum dritten und oft vernachlässigten Argumentationsstrang („Glück“), der auf den Wert der Natur für das „gute Leben“ abzielt. Damit ist nicht in erster Linie ein materiell gutes Leben gemeint, sondern vielmehr, ein erfülltes, wahrhaft menschenwürdiges, geglücktes Leben.6 Zu einem solchen Leben gehören fundamental nicht-materielle Relationen zu anderen Menschen und zur nichtmenschlichen Natur. Wichtig dabei ist, dass hier die Beziehungen nicht Mittel zum Zweck (für die Befriedigung anderer Bedürfnisse) sind, sondern selbst im Mittelpunkt stehen. So ist mir der alte Kirschbaum, den mein Großvater gepflanzt hat, überaus wertvoll, auch wenn er längst keine Kirschen mehr trägt und längst kein nutzbares Holz mehr liefern würde. Er ließe sich nicht einfach durch einen anderen neuen oder ähnlichen Baum ersetzen, weil es um diesen speziellen Baum geht und um diese spezielle Beziehung. Die hier bezeichnete Wertkategorie wird daher auch häufig als „relationale Werte“ bezeichnet (vgl. Chan et al. 2016). Der Wert solcher Beziehungen lässt sich vielleicht auch in ökonomischen Kategorien oder gar Geldwerten ausdrücken und als ÖDL thematisieren. Aber solche Versuche gehen am Charakter eines Werts der Natur für das gute Leben vorbei. Das Besondere dieser Beziehungen ist eben, dass die Objekte, auf die sie sich beziehen, seien es individuelle Tiere und Pflanzen oder gar (identitätsstiftende) Landschaften nicht austauschbar sind, nicht nur einen funktionalen Wert haben, sondern dass deren Individualität zählt.

Wenn also vom Wert der Biodiversität die Rede ist, so sind ökonomische Aspekte nur ein Teil dessen, warum Menschen sie wertschätzen, aber nicht unbedingt das ausschlaggebende Argument. Ökonomische und ethische Argumente zum Schutz der Natur durchdringen einander vielfach, und das sollte als Chance und konstruktive Brücke zum Diskurs über den richtigen Umgang mit Natur wahrgenommen werden. Eine Auflösung in ein reines (Kosten-)Nutzenkalkül wird vielen Motivationen zum Schutz der Biodiversität nicht gerecht. Ökonomische Argumente spielen eine Rolle, sie können mit ihrer speziellen Sprache Verständnis für bestimmte Wertzusammenhänge befördern, die bisher zu wenig beachtet wurden, wie es die TEEB-Studie sehr schön aufzeigt. Sie sollten aber immer in einen breiteren ethischen und gesellschaftlichen Rahmen eingebettet sein und stehen nicht für sich. Es ist wichtig, die Vielfalt der Argumentationen für den Wert der Natur zu sehen und der Versuchung zu widerstehen, diese auf eine einfache, wie auch immer geartete Größe zu reduzieren. Nicht das Spannungsfeld zwischen ökonomischen Argumenten und anderen Argumenten zu Schutz und Nutzung der Biodiversität als solche ist das Problem, sondern die Tendenz zu einfachen Lösungen, die Weigerung Konflikte in einem rationalen und offenen Diskurs auszutragen, ja oft auch der Versuch, solche Konflikte zu verschleiern, und sei es unter dem gut gemeinten, aber oft nicht realisierbaren Versuch, stets zu win-win-Lösungen zu kommen.

 

Fußnoten

1) Ich benutze im Folgenden „Biodiversität“ ebenfalls weitgehend synonym mit (belebter) „Natur“.

2) Die CBD definiert Biodiversität in Artikel 2 als: „die Variabilität unter lebenden Organismen jeglicher Herkunft, darunter unter anderem Land-, Meeres- und sonstige aquatische Ökosysteme und die ökologischen Komplexe, zu denen sie gehören; dies umfasst die Vielfalt innerhalb der Arten und zwischen den Arten und die Vielfalt der Ökosysteme“.

3) „The Economics of Ecosystems and Biodiversity“ (www.teebweb.org), siehe auch http://www.naturkapitalteeb.de

4) Ich habe in diesem Text durchgehend die Übersetzung „Ökosystemdienstleistungen“ verwendet, weil sie mir die adäquateste Wiedergabe des englischen Ausdrucks „ecosystem services“ zu sein scheint.

5) Zu diesen und anderen ethischen Aspekten im Umfeld des ÖDL-Konzepts vgl. Jax et al. (2013).

6) in der Tradition der aristotelischen „Eudaimonia“

 

Literatur

Chan, K.M.A. – Balvanera, P. – Jax, K. et al. (2016): Why Protect Nature? Rethinking Values and the Environment. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 113, S. 1462-1465.

Ehrlich, P. – Ehrlich, A. (1981): Extinction. The causes and consequences of the disappearance of species, New York.

Eser, U. – Neureuther, A.-K. – Müller, A. (2011): Klugheit, Glück, Gerechtigkeit. Ethische Argumentationslinien in der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt, Bonn.

Eser, U. – Potthast, T. (1999): Naturschutzethik. Eine Einführung für die Praxis, Baden-Baden.

Jax, K. – Barton, D.N. – Chan, K.M.A., et al. (2013): Ecosystem services and ethics. Ecological Economics, 93, S. 260-268.

Krebs, A. (1997): Naturethik im Überblick, in: Krebs, A. (Hg.): Naturethik. Grundtexte der gegenwärtigen tier- und ökoetischen Diskussion, Frankfurt/Main, S. 337-379.

Millennium Ecosystem Assessment (2005): Ecosystems and human well-being – lSynthesis, Washington D.C.

Naturkapital Deutschland – TEEB DE (2012): Der Wert der Natur für Wirtschaft und Gesellschaft – Eine Einführung, München/Leipzig/Bonn.

Takacs, D. (1996): The idea of biodiversity – philosophies of paradise, Baltimore/London.

Wilson, E.O. (Hg.) (1992): Ende der biologischen Vielfalt?, Heidelberg/Berlin/New York.

 

Der Autor

Kurt Jax

Kurt Jax, geboren 1958 in Bonn, ist stellvertretender Leiter des Departments Naturschutzforschung am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig und Professor für Ökologie an der Technischen Universität München. Er arbeitete zunächst über gewässerökologische Themen; seit mehr als 20 Jahren sind sein Interessen- und Arbeitsgebiet die konzeptionellen Grundlagen von Ökologie und Naturschutz. Sein spezieller Schwerpunkt ist die Anwendung theoretischer ökologischer Konzepte als Werkzeuge für den Naturschutz und die Anpassung von geisteswissenschaftlichen Methoden (insbesondere aus der Philosophie) für die interdisziplinäre Forschung in den Umweltwissenschaften. Dazu gehört nicht zuletzt die Beschäftigung mit den ethischen Dimensionen des Naturschutzes. Aktuelle Arbeiten beschäftigen sich mit dem Konzept der Ökosystemdienstleistungen und seiner Anwendung sowie mit ethischen Fragen, die mit diesem Konzept aufgeworfen werden.

Kurt Jax ist einer der Koordinatoren des EU Projektes OpenNESS – Operationalisation of Natural Capital and Ecosystem Services: From Concepts to real-world Applications, das sich mit der Umsetzung des Konzeptes der Ökosystemdienstleistungen auseinandersetzt.

 

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