Ideologiefreie wirtschaftsethische Orientierung für heutige und zukünftige Verantwortungsträger

Als wir die Thales-Akademie für Wirtschaft und Philosophie Ende 2013 gründeten, zeichnete sich bereits ab, dass wir in einer Zeit wachsender ethischer Verunsicherung leben. Diese Verunsicherung betrifft Mitarbeiter in Unternehmen ebenso wie deren Vorgesetzte, Produzenten ebenso wie Kunden, Wissenschaftler ebenso wie Berater, Staatsbürger ebenso wie Privatpersonen. Kurzum: Sie betrifft uns alle in den unterschiedlichen sozialen Rollen, die wir jeden Tag ausfüllen und die uns vor zahlreiche ethische Herausforderungen stellen. So fragen wir uns etwa, welche Kleider oder Lebensmittel wir kaufen oder wie wir reisen sollen, was wir unter „guter Arbeit“ verstehen und welchen Stellenwert wir der Arbeit insgesamt für unser Selbstwertgefühl zumessen. Wir fragen uns, ob die Verantwortung von Unternehmen nur darin besteht, geltendes Recht einzuhalten, oder ob sie eine darüber hinausreichende soziale und ökologische Verantwortung für die Gesellschaft tragen. Und falls ja: Welches der zahlreichen Konzepte von Unternehmensverantwortung und Unternehmenskultur überzeugt uns eigentlich? Was genau verbirgt sich zudem hinter den allgegenwärtigen modischen Leitbegriffen wie „Würde“, „Wertschätzung“, „Vertrauen“ oder „Nachhaltigkeit“ – und wie lassen sie sich im Alltag mit Leben füllen? Aber auch: Auf welches Minimalverständnis von „Gerechtigkeit“ können wir uns als Gesellschaft noch einigen? Und wie können wir auf die wachsende Ökonomisierung unserer Lebenswelt (wie etwa in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Sicherheit) sowie auf die immer offensivere Infragestellung unserer rechtsstaatlichen, offenen Gesellschaft reagieren?

Diese Fragen sind heute nicht nur deswegen anspruchsvoll, weil wir in einer weltanschaulich pluralistischen, ökonomisch globalisierten und von technischen Innovationen getriebenen Zeit leben; sie sind auch nicht nur deswegen verwirrend, weil sich Marktbedingungen rasend schnell ändern und ethische Themen von manchen Unternehmen noch immer als bloße Marketinginstrumente missverstanden oder unter „Gedöns“ einsortiert werden. Vielmehr fordern uns diese Fragen auch deswegen so heraus, weil die normativen Reaktionen auf sie so vielstimmig und zum Teil sogar widersprüchlich ausfallen. Denn sowohl im unternehmerischen Kontext und in den entsprechenden Verbänden als auch in der beratenden Branchen und der wissenschaftlichen Debatte konkurrieren diverse normative Konzepte miteinander, wobei in der deutschsprachigen Forschungslandschaft nicht unbedingt die inhaltlich differenzierteste, sondern die institutionell etablierteste Theorieschule die Wahrnehmung bestimmt.

Dieser Gemengelage ließen sich zahlreiche weitere Beispiele hinzufügen. Doch auch so deutet sich an, weshalb wir derzeit eine neue Unübersichtlichkeit und Verunsicherung erleben. Dies wird dadurch verstärkt, dass es nur wenige Stimmen gibt, die unabhängig genug sind, um die vielen wirtschaftsethisch interessierten Menschen in ihrem eigenständigen Urteilen und Handeln zu fördern. Genau diesem Ziel widmet sich die Arbeit der gemeinnützigen Thales-Akademie, die ihren Sitz in Freiburg hat.

Wir ermöglichen es heutigen und zukünftigen Verantwortungsträgern aus Wirtschaft und Gesellschaft, sich mit den zentralen wirtschaftsphilosophischen und unternehmensethischen Fragen unserer Zeit zu befassen – praxisnah, ideologiefrei und im Dialog auf Augenhöhe. Dabei schlagen wir die Brücke von neuesten Erkenntnissen aus den Wissenschaften (wie Philosophie, Verhaltensökonomie, Psychologie und Soziologie) hin zu konkreten Handlungsoptionen für den beruflichen und privaten Alltag. Wir beanspruchen jedoch nicht die Rolle des „Weisen vom Berg“ oder gar die des Moralapostels, und wir verordnen auch keine Checklisten oder ISO-Normen. Stattdessen begleiten wir unsere Teilnehmer dabei, eine selbstbestimmte, reflektierte Haltung zu den zahlreichen Fragen an der Schnittstelle von Wirtschaft und Philosophie zu entwickeln und schlagen so Orientierungsschneisen in den weitverzweigten Dschungel aus wirtschaftsethischen Problemen und Lösungsmöglichkeiten.

Hierfür haben wir bislang vier verschiedene Veranstaltungsformate etabliert. Das größte Format ist die zehnmonatige berufsbegleitende Weiterbildung „Wirtschaftsphilosophie und Unternehmensethik“ in Kooperation mit der Universität Freiburg, die das ganze Spektrum wirtschaftsethischer Themen abdeckt und mit einem international anerkannten Certificate of Advanced Studies (CAS) abschließt. Hier unterrichten Dozierende unterschiedlicher Disziplinen und Hochschulen und begeistern die Teilnehmenden für eine theoretisch fundierte und zugleich praxisorientierte Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Thema. Derzeit läuft der 2. Jahrgang, und wir erleben ein weiteres Mal, wie facettenreich und inspirierend die gemeinsame Arbeit gerade dadurch wird, dass die Teilnehmenden ihre unterschiedlichen Erfahrungen aus KMUs, großen Unternehmen, NGOs sowie selbstständiger und beratender Tätigkeit einbringen.

Daneben bieten wir Inhouse-Seminare zu einzelnen philosophischen, wirtschaftsethischen und medizinethischen Fragen unserer Zeit, die auf seriöse und zugleich unterhaltsame Weise die Brücke zwischen Wissenschaft und Alltagspraxis schlagen. In unserem ersten operativen Jahr 2015 haben wir mit insgesamt zehn Unternehmen, Verbänden und Hochschulen gearbeitet und dabei gut 400 Menschen erreicht; im Jahr 2016 waren es 18 Veranstaltungen mit mehr als 750 Menschen. Für 2017 zeichnet sich eine weitere Steigerung des Interesses ab, was uns freut und ermutigt.

Das dritte, noch ganz frische Format bildet das Thales-Forum, bei dem für einen Abend gegenwärtige und ehemalige Teilnehmer unserer Veranstaltungen, aber auch interessierte Neulinge in ungezwungener Atmosphäre zusammen kommen und gemeinsam eine ausgewählte wirtschaftsethische Frage anhand eines Fallbeispiels bearbeiten.

Schließlich führen wir seit Ende 2015 die Gesprächsreihe „Verantwortung Unternehmen“ in der Zeitschrift agora42, in der wir jeweils einen mittelständischen Unternehmer zu Erfolgen und Niederlagen, aber auch persönlichen Zweifeln und Einsichten befragen.

Die Thales-Akademie besteht derzeit aus dem Gründer Dr. Frank Obergfell, der sowohl Familienunternehmer in vierter Generation als auch promovierter Philosoph ist, dem Geschäftsführer Dr. Philippe Merz, der studentischen Mitarbeiterin Lina Berthold sowie der Assistentin Luana Farinelli. Zusätzlich unterstützt wird unsere Arbeit durch einen ebenso erfahrenen wie engagierten Beirat, dem mehrere Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Forschung und Kultur angehören.

Uns eint die Überzeugung, dass wirtschaftsethische Fragen zu den zentralen Herausforderungen unserer Zeit zählen und wir daher umso mehr eine scheuklappen- und moralinfreie Auseinandersetzung mit ihnen benötigen. Gerade für heutige und zukünftige Verantwortungsträger aus Wirtschaft und Gesellschaft ist es mittlerweile unerlässlich, ihre ethische Urteilskraft zu schärfen und eigenständige Handlungsstrategien im Umgang mit sich selbst, den Mitmenschen und der Natur zu entwickeln. Hierzu möchte die Thales-Akademie einen ermutigenden, lebendigen Beitrag leisten.

Über den Autor

Dr. Philippe Merz

studierte Philosophie und Literaturwissenschaft an den Universitäten Freiburg, Basel und Wien. In seiner Dissertation „Werterfahrung und Wahrheit“ entwickelte er eine phänomenologische Ethik im Anschluss an Edmund Husserl. Mit Dr. Frank Obergfell gründete er 2013 die gemeinnützige ThalesAkademie für Wirtschaft und Philosophie in Freiburg.

merz@thales-akademie.de

 

Ähnliche Beiträge

Die von Bundesminister Alexander Dobrindt eingesetzte Ethik-Kommission zum automatisierten Fahren...

Für Teichbesitzer ist es ein Albtraum: Das Wasser wird von einer Woche auf die andere trübe und...

Peter Seele – Chr. Lucas Zapf: Der Markt existiert nicht. Aufklärung gegen Marktvergötterung,...

Hinterlassen Sie eine Antwort