Interview mit Prof. Dr. Dr. h. c. Klaus M. Leisinger

Hannah Rautenberg:

Herr Leisinger, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für ein kleines Interview nehmen. In Anlehnung an die bevorstehende Webinarreihe „Sustainable Development Goals (SDGs) in der Praxis“, zu der Sie die erste Sitzung referieren werden, möchten wir vorab schon einen Einblick in das Thema gewinnen.

Die Sustainable Development Goals im Zuge der Agenda 2030 der Vereinten Nationen richten sich an die Politik der Mitgliedsstaaten.
Warum sehen Sie dennoch auch Unternehmen in der Verantwortung?

Klaus M. Leisinger:

Bei der Agenda 2030 geht es nach dem Willen der internationalen Gemeinschaft um eine „Transformation unserer Welt“. Diese Aufforderung geht, so das Protokoll der Generalversammlung vom 25. September 2015 „an alle Länder und Interessenträger“. Artikel 28 der Agenda 2030 wird noch deutlicher: „Die Regierungen, die internationalen Organisationen, die Unternehmen und anderen nichtstaatlichen Akteure wie auch jeder Einzelne müssen zur Veränderung nicht nachhaltiger Konsum- und Produktionsmuster beitragen…“ Auch Artikel 41 spricht von wichtigen Rolle des Privatsektors. Das ist das eine.

Das andere hat mit Leadership und mit Integrität zu tun: Aufgeklärte Führungspersönlichkeiten von Unternehmen möchten Teil der Lösung großer Aufgaben sein, nicht Teil des Problems. Und: integres Handeln bedeutet nicht nur Handeln in Übereinstimmung mit eigenen Werten, sondern auch Handeln im Lichte des vorhandenen Wissens über die Auswirkungen des eigenen Tuns. Für menschen guten Willens sind die Auswirkungen des business as usual offensichtlich.

 

HR: Wie können die Unternehmen Ihrer Meinung nach konkret zur Erreichung der Ziele beitragen?

KL: Unternehmen haben eine Vielzahl von wirtschaftlichen, sozialen, umwelt-spezifischen und anderen Auswirkungen. Aufgeklärte Unternehmen setzen seit Jahren Verantwortungskonzepte um, die zum Ziel haben, wirtschaftlichen Ziele unter Wahrnehmung sozialer und ökologischer Verantwortungen, sowie ohne menschenrechtliche Kollateralschäden und ohne Korruption zu erreichen: Integre Unternehmen erzielen marktgerechte Gewinne – leisten sich aber keine gesundheitsschädlichen oder diskriminierenden Arbeitsbedingungen, gehen mit Wasser und Energie sorgfältig um, sie halten sich nicht nur an die geltenden Gesetze, sondern berücksichtigen auch legitime Erwartungen der zivilen Gesellschaft.

Durch die Agenda 2030 mommt nun noch eine Generationen-übergreifende „Goldene Regel“ hinzu, d.h. die Interessen und Entfaltungschancen zukünftig lebender Menschen werden beim heutigen Handeln mitberücksichtigt.

 

HR: Wo sehen Sie Chancen, aber auch Herausforderungen für Unternehmen, die sich aktiv für die SDGs engagieren und Maßnahmen umsetzen?

KL: Zu den Herausforderungen gehört, dass anders als beim heutigen business as usual, im Hinblick auf Nachhaltige Entwicklung, heute Investitionen getätigt und finanzielle Ressourcen zur Verfügung gestellt werden müssen, deren positiven Auswirkungen erst in ferner Zukunft und vermutlich für Menschen in anderen Ländern anfallen. Das ist mit einer auf kurz- oder mittelfristige Rendite fokussierenden Management-Entscheidungslogik nicht vereinbar. Angesichts der Urteilsmaßstäbe des Finanzsektors ist es unwahrscheinlich, dass Firmenchefs ihr diesjähriges Geschäftsergebnis mit der Begründung belasten, dies sei ein kleiner Beitrag dazu, dass zukünftig lebende Menschen auf fernen Inseln im Pazifik ihre Heimat nicht durch Überschwemmungen verlören, weil die – nach heutigem Wissensstand zu erwartende – globale Erwärmung ein wenig geringer ausfällt.

Aber es gibt auch Chancen: Die Tatsache, dass sich die internationale Gemeinschaft auf die Umsetzung der Agenda 2030 geeinigt hat, bedeutet einerseits, dass sich die Rahmenbedingungen auch für Unternehmen so oder so verändern werden – aber auch, dass neue Märkte und somit neue Geschäftsmodelle und neue Chancen entstehen. Führungspersönlichkeiten, die sich frühzeitig auf das sich wandelnde Verständnis von „verantwortlich handeln“ einstellen und bei der Erarbeitung der neuen Regeln konstruktiv mitarbeiten, verschaffen ihren Unternehmen die Startvorteile früher Innovatoren. Wenn – was wünschenswert wäre, heute aber höchst selten passiert, die Repräsentanten der Zivilgesellschaft denjenigen Unternehmen, die messbare Anstrengungen zur Umsetzung der Aganda 2030 machen, durch Anerkennung Reputationskapital schenkten, wäre das eine zusätzliche Chance.

 

HR: Glauben Sie, dass mit Hilfe solcher Unternehmen die Agenda 2030 erfolgreich sein wird?

KL: Ja. Es gibt keinen Pan B, wie haben nur eine Erde – und lernen aus aufgeklärtem Eigeninteresse ist dem Lernen aus Schmerz über Umweltschäden und sozialen Verwerfungen vorzuziehen.

 

Wir bedanken uns rechtherzlich bei Ihnen, Herr Leisinger, und sind sehr gespannt auf Ihren Beitrag zu unserer Webinarreihe am 26.04.2017 um 13 Uhr.

 

Um sich für das erste Webinar „Agenda 2030: Neue Rolle(n) für Unternehmen im gesellschaftlichen Reformprozess“ von Prof. Dr. Dr. h. c. Klaus M. Leisinger anzumelden, klicken Sie bitte hier.

 

Ähnliche Beiträge

Viele Investoren, insbesondere solche mit einer ausgeprägten Wertorientierung, zu denen kirchliche...

In die Bachelor- und Masterstudiengänge der Cologne Business School sind Business Projects...

„German Mut“ lautet seit einiger Zeit ein Motto der FDP. Für mehr Mut plädiert Christian Lindner im...

Hinterlassen Sie eine Antwort